Donnerstag, 29. Juli 2010

Bürogeplänkel 22 - Hektik machen


Kaffeepause
Originally uploaded by SoNo_Polarbear
Ja, in der Firma ist zurzeit viel los. Ein europaweiter Massenausfall läßt quasi buchstäblich alle Kunden anrufen. Trotzdem kann man ja wohl mal in der Küche vor dem edlen Jura-Kaffee-Vollautomaten stehen und sich die Tasse mit frischem koffeeinhaltigen Aufgussgetränk füllen lassen! Ich nutzte die Zeit für einen kleine Meditation.
Der Kaffee lief, 100 ml.
Eine Kollegin hastete heran, sah mich in meiner meditativen Untätigkeit und befand, sich darüber ärgern zu müssen.
"Na, du hast ja die Ruhe weg!", giftete sie.
Der Kaffee lief, 150 ml.
"Hmmm!", sagte ich unbestimmt.
Der Kaffee lief, 200 ml.
Die Kollegin zog zischend von dannen.
Der Kaffee lief, 250 ml - fertig.
Ich nahm meine Tasse und ging gemessenen Schrittes zu meinem Platz zurück.

Ich denke, auch hektisches Kaugummikauen oder das Lösen eines Sudokus während der Füllzeit hätte sie nicht zufriedengestellt, ebenso wenig wie Seilchenspringen oder Liegestütze. Ich sollte vielmehr den Knopf an der Maschine drücken, während der Kaffee läuft zur Toilette hasten, im Stehen scheißen, zurückeilen, die Tasse unter der Maschine wegzerren und wieder zu meinem Platz eilen, den nächsten Anruf entgegennehmen - das alles binnen 45 Sekunden.

Irgendwie bin ich froh, nicht bei der chinesischen Firma Foxconn iPhones zusammentackern zu müssen. Unter Arbeitsbedingungen, die meiner Kollegin sicherlich gefallen hätten, mich aber vielleicht in den Selbstmord treiben würden (Link).

Ich nippe stattdessen an meinem Kaffee - ich "hab ja die Ruhe weg" - nehme dann den nächsten Anrufer entgegen.
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Dienstag, 27. Juli 2010

Undezente Geschäfte


cannabis stencil
Originally uploaded by duncan
Mir direkt gegenüber in einer Dachwohnung wohnt der vielleicht faulste Dealer westlich vom Pecos.
Er hat es in fünf Jahren nicht über sich gebracht, seine Haustürklingel reparieren zu lassen, sodass seine Botenjungen - die ich Lolek und Bolek nenne - immer ohrenbetäubende Pfiffe ausstoßen müssen, um sich bemerkbar zu machen. Dies tun sie mitten auf der Straße stehend. Spätestens jetzt weiß die halbe Gegend bescheid. Wenn Lolek und Bolek sich nicht Gehör verschaffen konnten, beginnen sie mit starkem Akzent, den Dealer ihres Vertrauens zu rufen: "Dhomasch! --- Dhomasch!!!"
Hey! Es gibt auch im Baumarkt selbstklebende Funk-Haustürklingeln zu kaufen. Ich habe schon mal überlegt, als mir das mit der Pfeiferei etwas zu viel wurde, ihm eine zu schenken, aus guter Nachbarschaftlichkeit. Aber er hätte es vermutlich nicht geschafft, sie anzubringen. Er hat ja auch kaum Zeit, so ohne Job, als von Hartz IV lebender Nachtmensch quasi.
Wenn Lolek und Bolek Glück haben, streckt Thomas K. nach dem ersten Pfiff seinen Kopf zum Fenster heraus um zu schauen, was so geht. Schnell wird man sich mit einigen Fingerzeichen handelseinig. Jetzt könnte Thomas K. Lolek oder Bolek die Tür öffnen, oder er könnte herunterkommen. Doch das wäre ja mit minimalen Mühen verbunden. Stattdessen ist es doch viel bequemer, die Ware in ein Papierchen zu wickeln und aus dem Fenster in den Vorgarten zu werfen! Lolek oder Bolek krauchen dann durch die Botanik und sacken die Droge im Papierchen ein.
Nur doof, dass in dem Haus außer "Dhomasch" noch ein halbes Dutzend andere Menschen leben, die das an den Fenstern alles live mitbekommen. Ganz zu schweigen von den ganzen Leuten, die gegenüber wohnen. Zuletzt ziehen die Kuriere auf jeden Fall zu Fuß oder mit BMX-Rad los in Richtung Stadt, das Zeugs zu verticken.
Letzten Dienstag haben Lolek oder Bolek zwar das Papierchen finden können, aber der wertvolle erdbraune Inhalt war in den erdbraunen Vorgarten geplumpst.
Total doof!
"Dhomasch" hatte in seiner Dach-Kemenate ausgeharrt, um dann Punkt Mitternacht mit einer starken Taschenlampe das Gartenstück total unauffällig Zentimeter für Zentimeter zu ergrellen. Ich habe ihm kichernd ein wenig bei seinen Bemühungen zugesehen, musste aber dann doch schlafen gehen. Da hatte der Vogel endlich mal was getan für sein Geld!
Ein Drogenhund hätte ihm sicher ganz toll weiterhelfen können!

Wirklich doof, dass Dealerei von Dezenz lebt.
"Dhomasch" ist in seinem "Job" so unauffällig wie ein Marktschreier.
Ich will ja glauben, der Vogel vertickt nur Shit.
Verpfeifen würde ich ihn, weil er so unglaublich blöd ist.
Weil er so faul ist.

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Montag, 26. Juli 2010

Lifestyle 38 - Es kann jeden treffen


ghostwoman
Originally uploaded by Picturesimon
Queen Mom (82) hatte wieder etwas ausgeschnitten, was sie mir bei meinem Besuch wohlmeinend in die Hand drückte.
"Hier, da kannste abnehmen, so in diesem Internet", sagte sie.
"Oh toll!", sagte ich und nahm den Wisch an mich. Irgendwie war es eine ausgerissene Seite aus dem Apothekenblättchen. Eine leicht moppige junge Frau strahlte darauf von Ohr zu Ohr bei der bloßen Vorstellung, so "über das Internet kostenlos die Pfunde purzeln zu lassen" - auf www.zu-fett-fürs-balett.de oder so.
Naja. Immerhin war es kostenlos.
Doch noch war ich nicht so weit.
Mein Geburtstag beraumte sich an. Ich räumte auf wie ein Irrer, die Wohnung in einen unrealistischen, zumindest optisch pseudosterilen Zustand zu versetzen.
Der Wisch lag noch immer auf dem Schreibtisch.
"Naja, muss ja nicht jeder sehen", dachte ich und faltete das Blatt andersherum.
Der Geburtstag kam, Menschen wuselten herum, betatschten alles und verschwanden wieder.
Tage später saß ich an meinem Schreibtisch, da fiel mein Blick auf eine Anzeige in Riesenlettern: "Stuhlinkontinenz kann jeden treffen!" und darunter "Als es mich traf, habe ich mich geschämt wie ein kleines Kind".
Hä???
Es war die Rückseite des Diät-Blättchens.
Niemand traut sich nun, mich darauf anzusprechen.
Tolle Wurst.
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Donnerstag, 22. Juli 2010

Queen Mom 3 - Johanniter-Hotel


hospital meal
Originally uploaded by Rooney.
Queen Mom (82) war wegen Atemnot ins Krankenhaus eingeliefert worden.
Mein Bruder und ich wechseln uns mit den Besuchen ab.
Jedesmal bevor ich sie besuche, bekomme ich noch einen Anruf meines Bruders, was ich Muttern wohl noch von zu Hause mitbringen soll (neben "Körperseife" und "Leibwäsche"): eine Hartkäsereibe (die mit dem roten Griff), ein Vogelhäuschen (das Geschindelte, nicht das Gelbe), eine spätassyrische Bodenvase (die mit den geflügelten Löwen), die Altölwanne (türkis, die mit dem "abben" Griff).
Mittlerweile sollte sie fast alles da haben. Den kompletten Haushalt. Ein wenig fürchte ich den Tag ihres "Auszuges" aus dem Krankenhaus, da brauche ich mindestens einen Miettransporter. Und vielleicht sechs Helfer mit Sicherheitsschuhen und Latzhosen. In ihrem Spind auf dem Krankenzimmer geht es mittlerweile zu wie in Mary Poppins' Tasche. Nicht nur der ausgestopfte Tukan stört ein wenig.

Wenn ich sie besuche, klopfe ich an der Krankenhauszimmertür, meine Mitbringsel auf dem Arm.
Knock, knock.
Grabesstille dringt mir aus dem Inneren entgeben.
Knock! Knock!
Nichts.
BOOM!! BOOM!!!
Nix.
Ich öffne die Tür. Die Bettnachbarin meiner Mutter, eine ebenso alte Dame, sitzt direkt an der Tür auf der Bettkante und schaut mich an.
"Hallo!", sage ich.
"Ach so!", sagt sie.
Keine Ahnung, warum sie nie "Herein" sagt, sie hört eigentlich ganz gut.
Muttern ist auf der Toilette, ich warte.
Sie erscheint, wir begrüßen uns, ich überreiche ihr die Mitbringsel.
Muttern legt sich mit ihrem gebügelten Nachthemd auf ihrem Krankenhausbett in Position. Die Rückenlehne ist hochgestellt wie bei einer Récamière. Mineralwasser, Glas, Zeitschriften liegen parat.
"Haben die Ärzte was gesagt?", frage ich.
"Oh ja!", freut sie sich.
"Äh, und was?"
"Da waren fünf Ärzte, und einer von denen hat geredet wie ein Wasserfall!", begeistert sie sich.
"Ja, und was hat er so gesagt?", frage ich.
"Ja, so Fachwörter!"
Ach so...
"Aber heute morgen war ein Mädchen da, das hat mir die Füße gewaschen!"
"Toll!"
Mutter legt sich zurück, entspannt und irgendwie urlaubs-erholt, sie trinkt einen Schluck Mineralwasser und schaut aus dem Fenster. Sie genießt das Leben der Schönen und Reichen im Johanniter-Hotel.
Es sei ihr gegönnt.
"Ach, der Frank soll mir beim nächsten Mal, wenn er vorbeikommt, die Entenlockpfeife mitbringen!"
Geht klar.


Samstag, 17. Juli 2010

ru24 Wissen 16 - bedrohte Wörter

Alles was lebt, erzeugt als Kennzeichen des Lebens auch Abfallprodukte, so auch die deutsche Sprache. Wörter, die dereinst ach so bezeichnend waren, fallen weg, werden nicht mehr benutzt. Schaut man in einen aktuellen Duden "Rechtschreibung" oder "Fremdwörterbuch", finden sich tausende von Wörtern, die den Zusatz "veraltet" tragen. Das ist nicht immer so schlimm. Bei dieser kleinen und ganz willkürlichen Aufstellung (Duden, ich bin nur bis "G" gekommen) ahnt man vielleicht, warum:
bo|mät|schen (veraltet) Lastkähne stromaufwärts ziehen, treideln
Cau|seu|se die; -, -n: (veraltet) 1. unbekümmert-munter plaudernde Frau. 2. kleines Sofa
E|lu|ku|b|ra|ti|on die; -, -en : (veraltet) a) mühevoll erstellte, sorgfältige Abhandlung; b) wissenschaftliche Arbeit, die nachts geschaffen wurde
Ga|lo|pin der; -s, -s : (veraltet) 1. Ordonnanzoffizier. 2. heiterer, unbeschwerter junger Mensch
Daß "bomätschen" gleichbedeutend ist mit "treideln" – wer hätte das gedacht? Da alle Diplom- oder Magisterarbeiten, derer ich je Zeuge wurde, sowieso immer nur Nachts und auf den letzten Drücker geschrieben werden, ist ein spezielles Wort wie "Elukubration" nicht mehr vonnöten. Und wenn die Causeuse mit dem Galopin erst einmal im Séparée verschwunden ist, dann heißt mich ohnehin der Anstand schweigen. Von fallen gelassenen Beinkleidern will ich dann schon gar nichts wissen.
Also, who cares?
Die durchweg lesenswerte Seite www.bedrohte-woerter.de (Link) macht Werbung für Bodo Mrozeks mittlerweile zwei „Lexika der bedrohten Wörter“. Zwei Einträge aus dem Lexikon, sind mir sehr ans Herz gewachsen:
Quarre - Quengelndes Kind, früher auch als Göre bekannt. Das Wort stammt aus einer Zeit, als Französisch noch Konversationssprache war. Heute heißen alle Kinder Kids und gehen zu McDonald’s.
urst - Ostdeutsch [...]. Meist als Steigerungsform verwendet, synonym zum herkömmlichen Wort sehr. Zeitweilig beliebt in der Kombination mit anderen bedrohten Begriffen, etwa: "Die Fete war urst geil." Nach 1990 in den Duden aufgenommen. [...] Wird verdrängt durch die Adjektive fett oder krass.
Und dann der Schock: tatsächlich verschwinden ja auch die wichtigen, kuriosen Wörter, meist scherzhafte Synonyme, die aus meinem Wortschatz beileibe nicht mehr wegzudenken sind! Bescheiden, wie ich nun einmal bin, will ich mal nur derer 30 nennen, die Mrozek in seinen Büchern behandelt:
angelegentlich, Augenstern, Augenweide, baff, bannig, bass, bräsig, Bredouille, Brimborium, dufte, Feudel, Firlefanz, Flausen, Fluppe, garstig, Gemächt, Geschmeide, Gutdünken, Humbug, in petto, Kavalier, knorke, Plörre, Popper, Prilblume, Rollschuh, Stegreif, urst, weiland, wohlfeil.
Wollen wir nicht mit aller Kraft versuchen, so viele wie möglich dieser zu Unrecht ungeliebten Kleinode vor dem Aussterben zu bewahren?
Das wäre doch sowas von urst knorke, oder?

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Dienstag, 13. Juli 2010

Sommer! - Teil 2


Dovee
Originally uploaded by Caucas'
Das Fenster Tag und Nacht mindestens aufgekippt - da weiß man, wo man wohnt!
Samstag morgens um 6.30 Uhr knallen juvenile Motorsportfans mit viel Enthusiasmus, Sportauspuff und 45 PS VROOOOOOM!!! unter meinem Fenster vorbei in Richtung Schwarzarbeit, an der Pioneer-Anlage alle Knöpfe auf '10' - UFZ-UFZ-UFZ!!! Um 8.40 Uhr startet mein mit geistigen Gaben nicht gerade allzu gesegneter Herr Nachbar seine Schlagerparade - Hossa! - jetzt auch von Fenster zu Fenster. Gerade bin ich mit rotgeäderten Augen wieder weggenickt, den allgegenwärtigen "Chor der Verdammten" (Rasenmäher, Rasenkantenschneider und Heckenscheren) ignorierend, da krallt sich roten Fußes eine Taube in die Dachrinne, rülpst ihr geistloses Gru-hu -- gru-hu -- gru-hu! exklusiv in mein Fenster. Nach einer Viertelstunde fliegt das Kackteil von dannen, natürlich mein Auto dabei vollscheißend.
Hauptsache ich werde wahnsinnig.

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Montag, 12. Juli 2010

Sommer!

Der zu Recht weithin unbekannte Barockdichter Johann Möchtegott Klöbel formulierte es in seinem so genannten Meisterwerk "Klebrig's Erwachen" (1655) seinerzeit so:
Ein Ohr noch im verschwitzten Laken,
das and're thut in den Himmel ragen.
Von draußen lästig's Geschab' der Grille,
Es fähret fort die Amsel mit Getrille'
Es dampfen Wälder, Wiesen, Seen,
Mir dampfen itzo schon die Zeh'n.
Oh, Sommer, in deinem klebrigen Bette,
Erwach' ich neben meiner Käthe.
Und bei uns?
Asphalt fließt in Zeitlupe die Straßen hinab, AKWs droht die Abschaltung.
Tümpel, Talsperren, Flüsse verdunsten blubbernd, gekochte Fische und Unken schwimmen an der Oberfläche, an den Rändern fläzt sich der Abkühlung suchende Mob.
In Beerdigungsinstituten ist mehr los als in Sonnenstudios.
Aufgedunsenen Bankangestellten angetan mit Schlips, Kragen und Jackett wird zum ersten mal in ihrem Leben Mitgefühl von ihren Kunden entgegengebracht. Zu Unrecht, wie ich finde.
Zäpfchen werden im Eisfach aufbewahrt.
Getränke verdunsten bereits im Mundbereich.
Im Getränkemarkt herrscht Endzeitstimmung - erst der Kampf um den Parkplatz, dann ist das Mineralwasser ausverkauft, sogar das Teure (Fachinger), die Kassenschlange Rotgesichtiger verschwindet irgendwo hinter dem von Hitze flirrenden Horizont.
Dehydrierte Menschen, nur angetan mit einem allzeit wringbaren Höschen kleben träge in ihren verdunkelten Wohnungen und wanken zwischen der Dusche, die längst statt kaltes nur noch lauwarmes Wasser spendet und einem durchweichten Sitzmöbel hin und her.
Ein Radiosender, der Rudi Carells "Wann wird's mal wieder richtig Sommer?" spielte, bekam binnen 8 Minuten 114 Bombendrohungen, beim BKA war man zu schwach, dem nachzugehen.
Der SPIEGEL schrieb, daß durch den temperaturbedingten höheren Testosteronspiegel die Leute zweimal mehr Sex hätten als sonst. Ein Bekannter, darauf angesprochen, ereiferte sich daraufhin angewidert: "Bäh, das wär' ja jetzt voll wie Schlammcatchen!"